Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: Was Unternehmen unterschätzen – und was Betroffene wissen sollten
Psychische Erkrankungen sind in Deutschland der häufigste Grund für Frühverrentung und der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen. Gleichzeitig ist die Arbeitswelt einer der zentralen Orte, an dem psychische Belastungen entstehen – und einer der letzten, an dem offen darüber gesprochen wird.
Welche Faktoren psychisch belasten
Nicht jeder Stress bei der Arbeit macht krank. Was dauerhaft schadet, ist gut erforscht:
- Mangelnde Kontrolle über die eigene Arbeit – wenn Entscheidungen über den eigenen Kopf hinweg getroffen werden, ohne Einfluss auf Tempo, Methoden oder Prioritäten
- Hohe Anforderungen bei geringer Anerkennung – das „Effort-Reward-Imbalance"-Modell zeigt, dass diese Kombination das Herzerkrankungsrisiko nahezu verdoppelt
- Soziale Konflikte und Mobbing – anhaltende Konflikte mit Vorgesetzten oder Kolleg:innen gehören zu den stärksten arbeitsbedingten Stressoren
- Entgrenzung – wenn Arbeit kein Ende hat, weil Smartphone und Laptop ständige Erreichbarkeit ermöglichen
- Jobangst – Unsicherheit über die eigene Stelle ist oft belastender als ein schlechter Job
Was Arbeitgeber rechtlich schulden
In Deutschland sind Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, psychische Belastungen am Arbeitsplatz im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu erfassen und zu minimieren. Das ist seit 2013 Teil des Arbeitsschutzgesetzes. In der Praxis wird diese Pflicht noch immer von vielen Unternehmen ignoriert oder formal abgehakt.
Wer unter arbeitsbedingten psychischen Belastungen leidet, hat das Recht auf ein vertrauliches Gespräch mit dem Betriebsarzt, auf Unterstützung durch den Betriebsrat und in vielen Unternehmen auf Beratung durch externe Employee-Assistance-Programme (EAP).
Was Betroffene selbst tun können
Frühzeitig Unterstützung suchen. Die meisten Menschen warten zu lange – bis ein Zusammenbruch erzwingt, was vorher freiwillig möglich gewesen wäre. Wer merkt, dass die Arbeit psychisch krank macht, sollte:
- Mit dem Hausarzt sprechen – auch über Krankschreibung, wenn nötig
- Eine psychotherapeutische Sprechstunde nutzen, um die Situation einschätzen zu lassen
- Konkrete Schutzmaßnahmen umsetzen: klare Arbeitszeiten, abends nicht mehr ins E-Mail-Postfach schauen, Urlaubszeiten wirklich freinehmen
Das Schweigen brechen
Psychische Erkrankungen bei der Arbeit sind noch immer stigmatisiert. Wer wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben wird, bekommt Mitgefühl. Wer wegen einer Depression krankgeschrieben wird, muss sich manchmal erklären. Das verändert sich – aber zu langsam. Wer sich traut, offen zu sein, trägt dazu bei.
Wenn Ihr Arbeitsplatz Ihre psychische Gesundheit belastet und Sie Unterstützung suchen, können Sie sich über Therapie Direkt auf die Warteliste für eine Psychotherapie eintragen.